Das Netz sagt Dir, was Du willst!

September 1st, 2018

Das Netz sagt Dir, was Du willst

Wer im Netz einkauft, surft oder streamt, der muss sich über mangelnde Empfehlungen oder Vorschläge nicht beschweren. Heute muss sich niemand mehr die Mühe machen, zu überlegen, was ihn überhaupt interessiert (und warum), die Internetdienste - oder vielen denken, es seien die APPs - erledigen die Aufgabe. Dahinter steckt die Botschaft: Hör auf nachzudenken, kaufe einfach, was wir Dir empfehlen, denn wir wissen, was gut für Dich ist.
Algorithmen nennen wir diese „Zauberdienste“, sie analysieren unser Tun im Netz und schlußfolgern daraus, was wir als Nächstes konsumieren sollen.
Manchmal ist das ganz augenscheinlich sehr unvollkommen, zum Beispiel macht es ja wenig Sinn, wenn man einen Regenschirm kauft und unmittelbar danach Werbung für Regenschirme erhält. Oder weiß der Algorithmus, dass wir den bereits gekauften Regenschirm alsbald irgendwo im ICE liegen lassen werden?
El Pariser nannte das Phänomen „The Filter Bubble“: wir bewegen uns und denken zunehmend nur in einem engen Kreis der Dinge, die wir schon kennen. Unverhofftes, Unbekanntes wird ausgefiltert, getreu dem Sprichwort: „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht!“ wird es uns nicht angeboten, die numerische Chance, dass wir Unbekanntes ablehnen ist zu hoch, um als akzeptabel für eine Marketingstrategie zu gelten.
Und anstatt sich dieser mißlichen Lage, die der Verdummung und Entmündigung des Einzelnen Vorschub leistet, zu entfliehen, befeuern wir sie mit der täglichen freiwilligen und naiven Preisgabe noch so privater Informationen. Wir füttern die Algorithmen damit diese uns das Denken abgewöhnen. Das ist kein Kreislauf, das ist eine Sackgasse.
Und wenn Forscher untersuchen wollen, wie dieser Mechanismus funktioniert, wenn sie der „Zauberkraft“ des Algorithmus den Schleier der künstlichen Intelligenz, die nichts als eine große Täuschung ist, herunter reißen wollen...dann kommen die Anwälte. So geschehen, als schwedische Wissenschaftler den Streaming-Dienst Spotify untersuchten.

„Die Wissenschaftler hatten mit hunderten Bot-Accounts probiert, den Algorithmus zu untersuchen. Eines der Experimente war zum Beispiel, ob der Algorithmus Männern und Frauen unterschiedliche Vorschläge ausgibt, selbst wenn sie die gleiche Musik hören. Auch testeten sie, ob sich der Dienst manipulieren lässt. Die Forscher griffen zu diesen Methoden, da der Streamingdienst – wie andere Plattformen in Sachen Algorithmen auch – eine Blackbox ist.“
Siehe auch hier:
[https://netzpolitik.org/2017/spotify-schuechtert-kritische-wissenschaftler-ein/]

Jeder kann sich sicherlich daran erinnern, in einem Restaurant mal ein Gericht von der Speisekarte bestellt zu haben, dass er nicht kannte. Und an das Gefühl, welche angenehme Überraschung es auslöst, wenn man etwas bekommt, das so köstlich ist, dass man es nie mehr vergisst. Das Unkalkulierbare, das Unbekannte, das Unverhoffte - das ist es, was den Menschen beflügeln kann. Die große Liebe seines Lebens findet der Mensch in der Regel unverhofft, ungeplant, nicht vorhersehbar. Und das genau kann einen „umhauen“, das Leben verändern, einen neuen Sinn geben ... - Welch eine Armseligkeit, die Möglichkeit von Überraschungen durch mathematische Systeme ersetzen zu lassen.