Interview FAZ

Bald gibt es hier keinen mehr, der das Licht anmacht.


FAZ: Herr Eckart, zwei Inszenierungen, die zum Theatertreffen 2019 eingeladen waren, können im Berliner Haus der Festspiele nicht gezeigt werden, weil Transport und Einrichtung der Bühnenbilder zeitlich und personell zu aufwendig gewesen wären. Kapituliert die Technik vor der Ausstattungskunst? Oder sind diese Bühnenbildner ein bißchen übergeschnappt?

HE: Weder noch. Ehrlich gesagt wundere ich mich ein bißchen, denn das Theatertreffen gibt es seit mehr als fünfzig Jahren, das Haus der Berliner Festspiele ist technisch saniert worden und die Größenordnungen der Ausstattungen heutzutage sind bekannt. Stress gibt es allerdings genug an den Häusern. Ich würde sogar sagen, unsere Theater befinden sich in einem verhängnisvollen Kreislauf, in dem sie durch hohe Zuschauerzahlen und enge Premierentaktung ständig ihre Existenzberechtigung unter Beweis stellen müssen. Das ist genauso unsinnig wie die Diskussion über Einschaltquoten beim Öffentlichen Rundfunk. Artikel 5 des Grundgesetzes bedeutet, ihr sollt Euch um Quote keinen Sorgen machen müssen, die Kunst, die Wissenschaft und die Presse sind frei. Es ist eben nicht die Aufgabe des Theaters, jeden Abend ausverkauft zu sein, auch wenn Politiker das gern als Rechtfertigung für ihre Zuschüsse so hätten. Die Diskussion über das Theater sollte eine ästhetische sein, nie eine über Quote.

FAZ: Aber wir leben doch in Zeiten, wo Feedback alles ist. Wenn das Publikum weg bleibt, muß man das doch ernst nehmen.

HE: Ich sage Ihnen etwas. Die Subventionen an die Quoten zu koppeln, ist die letztliche Konsequenz daraus, und das kann man in einigen unserer Nachbarländer schon beobachten. Ich halte das für eine sehr gefährliche Entwicklung. Wie funktioniert staatliche Repression gegenüber Künstlern? Also nicht nur in Ländern wie der Türkei oder Russland, sondern in Polen, Ungarn, Österreich, in den Niederlanden? Das geschieht ganz subtil. Unter dem Druck der Rechten und Nationalisten geben auch Regierungen nach. In den Niederlanden ist die Förderung von Theatern nicht mehr unbegrenzt, sondern diese müssen sich inzwischen alle vier Jahre neu mit einem Konzept bewerben. Dadurch ist langfristige Planung, wie sie an großen Häusern notwendig ist, nicht mehr möglich. In der Türkei wurden unterschiedliche Mehrwertsteuersätze für Eintrittskarten eingeführt, deren Höhe sich nach dem Autor und dessen Nationalität richtet. Spielen Sie einen regimefreundlichen türkischen Autor, müssen Sie wenig Mehrwertsteuer zahlen, spielen Sie einen Dissidenten, sind die Karten teurer. Für das Theater heißt das, mal muß es viel Steuer abführen, mal weniger, das macht sich im Budget schon bemerkbar. Und das Budget kann eben auf verschiedene Weise zum Problem werden. Wenn eine Produktion nicht gastieren kann, weil sie als zu groß und zu aufwendig betrachtet wird, dann muß das nicht heißen, dass die technischen Voraussetzungen zu kompliziert sind. Sondern dass eventuell dem Theater die Investition, sein Ensemble fortzuschicken zu einer Woche Aufbau, Einrichtung, Proben und Vorstellungen, zu teuer ist, weil es zuhause in der Zeit nicht weitergeht.

FAZ: Dass es also eine Entscheidung, eine Abwägung von Kosten sein könnte, meinen Sie. Das klingt plausibel, denn Pina Bauschs große Bühnenbilder werden ja auch in alle Welt verschifft und sehen auf allen Kontinenten aus wie an der Wupper.

HE: Klar, es geht immer alles. Es ist eine Frage der Prioritäten. Kann und will ich auf einen Teil der Technik und der Schauspieler, der Garderobieren, der Maskenbildner und Requisiteure verzichten während diese gastieren? Was die Technik betrifft, kann das knapp werden, denn in den letzten zwanzig Jahren hat es einen massiven Stellenabbau an den Theatern gegeben. Für den Nachwuchs wurde nichts getan. Kein Wunder also, dass wir einen eklatanten Fachkräftemangel in der Theatertechnik beklagen müssen. Schon jetzt ist die Leistungsfähigkeit der Theater eingeschränkt. Wenn hier nicht umgedacht wird, werden wir in fünf Jahren nur noch die Hälfte der Premieren von heute herausbringen.

FAZ: Wer fehlt?

HE: Wir haben in diesem Jahr zweihundert offengebliebene Stellen im technischen Bereich an Theatern. Bühnentechniker und Beleuchter, Bühnenmeister und Beleuchtungsmeister, Schreiner, Schlosser und andere Gewerke aus den Werkstätten. In ganz vielen Bereichen finden die Theater keinen Nachwuchs.

FAZ: Zahlt das deutsche Theater seiner Technik zu schlechte Löhne?

HE: Die Theater zahlen zu schlecht und auf der anderen Seite hat die Veranstaltungsbranche immens aufgeholt. Vor zehn Jahren noch galt es als besser, einen sicheren Job am Theater zu haben, aber heute – und das ist der Fluch dieses Einheitsvertrages „NV Bühne“ mit der Mindestgage von 2000 Euro – kriegen Sie dafür keine Bühnenmeister mehr. Einerseits lastet auf ihnen immer mehr Verantwortung und müssen sie ein immer komplizierteres Regelwerk befolgen. Wenn ein Unfall passiert, ist als erstes der Bühnenmeister dran. Fällt etwas von oben runter oder stürzt einer ab heißt es: Was hat er falsch gemacht? Gleichzeitig sind die Aufgaben anspruchsvoller geworden. Die Bühnenbauten werden immer komplexer, die Darsteller fliegen durch die Lüfte, wir arbeiten mit Wasser, mit Video, mit Laser – es gibt ja nichts, was es nicht gibt auf dem Theater.

FAZ: Die Theater müssen technisch mit anderen Unterhaltungsmedien mitzuhalten versuchen.

HE: Und in diesen anderen Unterhaltungsunternehmen verdient man eben deutlich mehr.

FAZ: Ist es nur das Gehalt, das zählt?

HE: Ach, wissen Sie, die Theater sind doch, was Personalentwicklung betrifft, so dermaßen stehengeblieben, das schreit zum Himmel. In Diskussionen sage ich immer: Was machen wir, wenn morgen das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt wird? Wer kommt dann noch ins Theater zur Arbeit? Warum soll ich das tun? Um in einer muffigen, fensterlosen Umkleide zu sitzen und auf Pfiff auf die Bühne zu gehen um schwere Teile zu schleppen? Um nie frei zu bekommen für Weiterbildung? Um keine Aufstiegschancen zu haben? Um schlecht zu verdienen und unmögliche Arbeitszeiten zu haben? Es gibt auch keine Rücksicht auf Elternteilzeit oder die Betreuungspflichten bei pflegebedürftigen Eltern – alles Pustekuchen am Theater. Wer meint, so mit Menschen umgehen zu können, der wird sich wundern. Die jungen Leute heute werden natürlich von der Industrie umworben, etwa die Absolventen der Berliner Beuth-Hochschule für Technik, die ein Ingenieursstudium haben. Wir können nicht mehr mithalten mit der freien Wirtschaft, nicht nur finanziell. Einem jungen angehenden Bühnentechnik-Studenten, der ein Praktikum bei einem Autobauer absolvierte, hat die HR des Konzerns nach 4 Wochen einen Zehnjahresvertrag für eine internationale Karriere im mittleren Management vorgelegt. Sie glauben doch nicht, dass der ans Theater geht.

FAZ: Aber was ist mit dem Mythos Theater? Glänzt der nicht mehr hell genug?

HE: Das Theater, diese phantastische Schmiede des Kreativen? Hahaha. Das Theater von heute ist ein bürokratisches Monster, in dem Mißachtung herrscht anstatt Wertschätzung für Mitarbeiter. Die Menschen werden einfach nicht beachtet. Die alten hierarchischen Strukturen sind doch nicht mehr zeitgemäß. Das zeigt die #metoo Debatte und die breitere daran anknüpfende Diskussion über die Umgangsformen der Gesellschaft. In der Technik passiert das alles auch. Das interessiert bloß keinen, weil deren Arbeit im Dunkeln stattfindet, nicht im Scheinwerferlicht. Die haben ihren Job zu machen und fertig. Wenn der Ton nicht funktioniert, liegt es an dem „blöden Techniker“.

FAZ: Ist es nicht umgekehrt unglaublich lohnend, zu wissen, ich als Techniker mache die ganze Show da unten erst möglich?

HE: Das wäre schön. Die Wahrheit sieht anders aus. Ein Beispiel: Ein Stellwerker kommt um 17 Uhr zur Arbeit, fährt sein Pult hoch, geht alle Stellungen durch, die Kollegen richten die Scheinwerfer für die Abendvorstellung ein und um 19:30 sitzt unser Stellwerker wie der Pawlowsche Hund hinter seinem Pult. Wenn die rote Lampe angeht, hebt er seinen Finger, und wenn sie ausgeht, tippt er auf „Go“. Das ist sein Dienst. Egal, ob da unten Shakespeare gespielt wird oder Pina Bausch oder Puccini. Kann ein Mensch im 21. Jahrhundert sich von seiner Arbeit stärker entfremdet fühlen als dieser Stellwerker? Warum ist der Mann nicht an der Entwicklung von Lösungen beteiligt? Wieso muß der überhaupt auf den Knopf drücken? Wieso geht das Licht nicht automatisch, wenn der Tänzer eine 3D-Koordinate erreicht, mit ihm mit? Wir haben soviel Möglichkeiten, aber statt ihrer praktizieren wir eine klare Abgrenzung: Du bist der Stellwerker, Du drückst auf den Knopf, und Du bist der Inspizient, Du gibst das Zeichen dazu.

FAZ: Aber wie soll denn das bitte anders gehen?

HE: Es könnte ein Regie-Team doch kommen und, - so wie es mit den Darstellern ringen muß – so könnte es doch auch zur Technik-Crew sagen, bitte denkt euch aus, wie das umzusetzen ist.

FAZ: Läuft das nicht so?

HE: Nein! Das ist mehr wie in dem berühmten Witz: „Liegt ein Kabel auf der Bühne. Das wird nicht weggeräumt. Es gibt eine Diskussion. Gehört das Kabel dem Licht, dem Ton oder der Requisite. Wenn es allen dreien gehört, müssen wir den Intendanten rufen, das können wir nicht selber entscheiden.“ Das ist der Alltag.

FAZ: Und warum kann das nicht so weitergehen?

HE: Wir stehen an einer riesigen Rentenschwelle. Fragen Sie mal, welche Theater wenigstens schon durchgerechnet haben, wieviele ihrer technischen Mitarbeiter in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen, geschweige denn ein Konzept dazu entwickelt haben. Es gibt zwei oder drei Häuser, die das getan haben und denen ist das Herz in die Hosentasche gerutscht. Man rechnet heute, wenn man eine Fachkraft aus Rentengründen verliert, geht Wissen im Wert von einer halben Million Euro mit, diesen Betrag braucht man, um alles einem Neuen durch Schulungen etwa beizubringen. Aber für Weiterbildungsmaßnahmen gibt es am Theater kein Geld.

FAZ: Der Führungsstil mancher Intendanten ist außerdem altmodischer als der von Chefs von Familienunternehmen.

HE: Diese Kultur ändert sich nur sehr langsam. In Norwegen habe ich gerade eine Technische Direktorin getroffen, und dort ist man uns weit voraus, was Personalführung betrifft. Ein deutscher Regisseur muß sich aufgrund seiner Umgangsweisen mit Mitarbeitern an einem norwegischen Theater während er dort inszenierte, jetzt drei Verfahren gegen ihn stellen.

FAZ: Die Human Resource Probleme des deutschen Theaters sind das eine, das andere sind die infrastrukturellen Sorgen. Veraltete Maschinerie, Renovierungsdruck, Brandschutz, Arbeitssicherheit... wieviele deutsche Theater müssten abgerissen und neugebaut werden so wie die Oper in Frankfurt?

HE: Die einen Probleme hängen eng mit den anderen zusammen. Renovierung oder Neubau sind nur dann gut zu bewältigen, wenn es Personal mit zwanzig, dreißig Jahren Erfahrung gibt, das diese Prozesse technisch steuern kann. Die Architekten und Politiker sehen Theater immer nur von vorne an, wir sind diejenigen, die die Bühne von hinten sehen. Nur ein Beispiel: In Oslo steht das Theater auch vor der Sanierung. Die Technische Direktorin sagt, immer müßten ihre Garderobieren täglich kilometerweit laufen, weil die Waschmaschinen im Keller stehen. Das sind ganz wichtige fällige Änderungen bei Sanierungen. Im Ballettzentrum Düsseldorf sind zwischen zwei Tänzergarderoben immer Trockenräume, in denen die Tänzer ihre vielen täglich verschwitzten, mit Hand selbst ausgewaschenen Trikots trocknen können, ohne unter einer Wäscheleine zu sitzen. Das Ballettzentrum hat auch Ruheräume, in denen die Tänzer eine Pause nutzen können, um sich hinzulegen. Das ist vorbildlich. Und da Sie fragen: Achtzig Prozent der 140 öffentlichen Theater sind renovierungsbedürftig. Es gab zwei Bauwellen von Theatern, 1890-1910, und nach dem Zweiten Weltkrieg. Und Sie können eben nicht dreißig oder fünfzig Jahre nichts an einem Bauwerk machen, denn dann fällt es zusammen. Das aber ist hier bei uns der Fall. Jeder Hausbesitzer weiß, er muß 5 – 10 Prozent der Bausumme jährlich für Reparaturen und Sanierungen aufwenden. Nur bei den Theatern hat man das gespart. Mit erheblichen Folgekosten, wie wir jetzt sehen. Das zweite Problem ist, diese Theater sind eh alle zu klein: Lüftung, Klima, Brandschutz, Werkstätten, all das braucht viel mehr Platz.

FAZ: Die Theater sind – von heute aus betrachtet – nicht zukunftsfähig, sagen Sie.

HE: Beliebter denn je, beim Publikum, aber in Wirklichkeit so nicht zukunftsfähig, so ist es. Wir haben ein Drittel weniger festangestellte Leute als noch vor zehn Jahren, und mit dieser knappen Personaldecke spielen wir 69 000 Vorstellungen, fast 300 pro Tag, das ist Weltrekord. Und da sind die 500 Sommerfestivals noch nicht miteingerechnet. Im künstlerischen Bereich bekommen auch immer weniger Menschen Festverträge. Alle im Theater werden ausgequetscht wie die Zitronen. Und das verstehe ich nicht. Theater ist doch angeblich der Ort, an dem Visionen entwickelt werden, an dem die gesellschaftlichen Zustände kritisch hinterfragt werden. Da könnten wir mal bei uns selber anfangen. Vorne verkünden wir die Menschenrechte, hinten wirst du angeschnauzt, das ist auch so ein Technikerwitz.


Hubert Eckart ist der Geschäftsführer der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft und Herausgeber der „Bühnentechnischen Rundschau. Zeitschrift für Veranstaltungstechnik, Ausstattung und Management“. Das Gespräch führte Wiebke Hüster