100 Jahre Theater Nordhausen

May 1st, 2018

Im Heft 2 der Bühnentechnischen Rundschau des Jahres 1917 konnte man das lesen.
Es war die letzte Ausgabe der Bühnentechnischen Rundschau im 1. Weltkrieg, sie sollte erst 1919 wieder erscheinen. Bekanntlich halten sich ja Mythen besonders lang, vielleicht auch deshalb, weil sie einer Wahrheitsüberprüfung nicht unterzogen werden. So galt das Theater Nordhausen oftmals als das Einzige, welches im 1. Weltkrieg gebaut und eröffnet wurde. Das ist schön, aber leider nicht wahr. Die bürgerliche Emanzipation in Deutschland fand ihren wohl besten Ausdruck in mehreren Städten im Bau und Betrieb städtischer Theater. Diese Entschlossenheit, mit dem Theater ein öffentliches Forum für eine kulturelle Auseinandersetzung über den Zustand der Gesellschaft zu schaffen, zeugte von einem beeindruckenden Selbstbewußtsein und formte die künftige Politik und Gesellschaft mit Nachwirkungen bis heute.
Als ich im Dezember 1989 Intendant dieses Hauses wurde, konnte ich mich auf ein Ensemble stützen, dessen Entschlossenheit, dieses Theater zu verteidigen beispiellos war. Es gab auch niemand, den wir hätten fragen können. Die Stadt hatte keinen Bürgermeister, es gab keinen Landrat und vom Land Thüringen mit einem Minister oder Ministierpräsidenten war da noch gar keine Rede. Also handelten wir selbst und nahmen das Geschick des Theaters in die eigenen Hände, um unsere Verpflichtung gegenüber der Kunst und dem Publikum zu erfüllen. Schon bald danach erreichten die zahlreichen Berater, Politikexperten, Aufbauhelfer auch die Stadt Nordhausen. Ihre Ratschläge waren erstaunlich, sie kündeten von der bevorstehenden Schließung des Theaters wegen gravierender technischer Sicherheitsmängel und der prinzipiellen Unmöglichkeit, dass sich eine Stadt mit 50.000 Einwohnern solches Theater überhaupt leisten könne. Ich war erstaunt, über welche prophetischen Gaben diese Menschen verfügten, aber ich hatte schlicht keine Zeit, ihnen zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, denn für ganz akute Probleme, z.B. woher man das Geld nimmt, pünktlich am Gehaltstag rund 265 Mitarbeitern ihren Lohn auszuzahlen, fühlte sich niemand verantwortlich.
In dieser Zeit des vollständigen Umbruchs, galt es mit Mut und Entschlossenheit zu handeln, schließlich hatten wir ja selbst dazu beigetragen, die Bevormundung abzuschaffen. Wir besorgten ein paar Millionen D-Mark und sanierten die schlimmsten technischen Debakel auf und hinter der Bühne, wir starteten die erste Fusion im Osten, fädelten die Städtepartnerschaft mit Bochum ein und nach und nach entstand um uns herum eine neue poltische Landschaft. Getragen wurden wir aber durch das Publikum, das „alte“ uns vertraute und das Neue, welches aus dem Westharz so zahlreich zu uns strömte. Das alles fand in einem Zustand hoch emotionaler Auseinandersetzungen quasi in einem Zeitvakuum zwischen Vergangenheit und Zukunft statt, das in meinem Leben unvergessen bleibt und immer mit diesem Haus verbunden sein wird.
Zu den Wünschen, die wir heute hier hören konnten, habe ich nur zwei hinzuzufügen:
Tradition ist nicht die Anbetung der Asche sondern die Bewahrung des Feuers, will sagen, versetzen Sie das Haus in einen Zustand, der dem Stand der Technik des 21. Jahrhunderts entspricht, geben sie auch den Mitarbeitern würdige, anständige und sichere Arbeitsplätze. Mein zweiter Wunsch geht aber darüber hinaus: Geben Sie dem Theater seine Schauspielsparte zurück. Die Schließung des Schauspiels war unsinnig, hat am Ende keine nennenswerten Einsparungen gebracht, aber das Selbstverständnis eines Mehrspartentheaters beeinträchtigt. Korrigieren Sie dies, wann wenn nicht jetzt.
Seien Sie mutig.
Gerade in einer Zeit, in der wir durch eine digitale Revolution so umfassende Änderungen unseres Lebens erfahren, ist die Behauptung des urbanen öffentlichen Raumes mit dem garantierten Schutz des Staates (Artikel 5) für die Freiheit des Kunst, den Schutz der Privatsphäre und mit einer Firewall, die vor der totalen Kommerzialisierung schützt, nahezu jeden finanziellen Aufwand wert.

Und all denen, die immer noch der Meinung sind, dass Theater viel Geld kostet, möchte ich am Ende meines Grußwortes eine durch das statistische Bundesamt ermittelte Zahl nennen. 26. Soviele Millionen Euro kostet in Deutschland im Durchschnitt der Bau eines einzigen Kilometers Autobahn, von der ersten Planfeststellung bis zum ersten Stau. D.h. ein ganze Jahr Kultur in der Stadt Nordhausen braucht weniger Geld als der Bau eines Kilometers Autobahn....

In diesem Sinne: toi, toi, toi.!