Schermanns Augen

September 1st, 2018

Es ist vermutlich DAS Buch des Jahres 2018. Für diese Behauptung gibt es mehrere Gründe.
Zunächst hat man so ein Buch wohl nicht von Steffen Mensching erwartet. Wenzel & Mensching waren einmal das Gegenstück zu Beckert & Wolff, dem Duo Sonnenschirm, Postrealistische Brachialsatire, in der DDR für Insider ein Genuss. Aber Mensching ist auch Autor, Regisseur und Intendant.
Zum anderen unternimmt Mensching in diesem Roman den Versuch, eine unlösbare Frage zu klären: Wie konnte der einzigartige kulturelle und geisteswissenschaftliche Aufbruch an der Wende zum 20. Jahrhundert in Stalins Gulags und Hitlers KZs münden.
Diese Frage beantworten zu wollen, ist so ungeheuer vermesse wie unlösbar. Doch Mensching findet einen Weg. Wie schon zuvor Christoph Hein in seinem Roman TRUTZ das Stilmittel des vermeintlich dokumentarischen benutzt, um mit Fiktion und Faktischem einer Sache auf den Grund zu gehen, so erfindet Mensching eine Konstellation aus hunderten Figuren, realen wie erdachten, um eine der wichtigsten Epochen des bürgerlichen, ja und auch des kommunistischen Zeitalters zu erfassen.
Der polnisch, jüdische k.u.k Weltbürger, Graphologe und vor Eitelkeit schwärmende Schermann gelangt als polnischer Flüchtling nach dem Hitler-Stalin-Pakt in den Wirren des Jahres 1939 in einen sibirischen Gulag. Da er vorgibt, kein Russisch zu verstehen und zu sprechen erlangt der deutsche kommunistische Flüchtling Otto Haferkorn, der vor den Nazis Schutz im kommunistischen Russland suchte und wenig später dortselbst bei einer Säuberungsaktion als trotzkistischer Verschwörer und Spion für 5 Jahre nach Sibirien verfrachtet zu werden. Er wird Schermanns Übersetzer, Leidensgenosse, Vertrauter, Widersacher und Teilhaber.
Was Mensching mit dieser Konstellation anfängt ist atemberaubend, bedrückend, komisch und voller Lakonie, die ihresgleichen sucht. Die schillernde Figur des Schermann ermöglicht es, dutzende, ja hunderte Zeitgenossen der Jahre 1895-1939 eindrucksvoll Revue passieren zu lassen. Es ist unmöglich herauszufinden, welche der Geschichten historisch verbürgt und welche erfunden sind. Das Mensching acht Jahre an dem grandiosen Werk gearbeitet hat spricht für eine akribische Recherche. Aber letztendlich geht es nicht darum, was wirklich sich zugetragen hat, sondern darum, wie es gewesen sein könnte.
Hypothesen waren schon immer interessanter als faktische Wahrheit.
Stilistisch ist Menschings lakonische Fabuliererei ein Meisterstück. Die jüdische Hauptfigur und das düstere Szenarium eines Gulags erlauben ihm Witze, die eigentlich verboten sind. Dies über das gesamte Werk durchzuhalten fällt dem Autor nicht immer leicht, denn insgesamt ist die Lage hoffnungslos. Der Hitler-Stalin-Pakt und der spätere Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion waren historische Wendepunkte, die die Schicksale von Millionen Menschen beeinflußten. Schermann, Haferkorn und die vielen anderen legen davon beeindruckende Zeugnisse ab.
Was bleibt ? Ein großartiges Buch. Viel Nachdenklichkeit, die bis in die Gegenwart reicht: wieso gibt es heute immer noch die Lager in Sibirien? Warum feiern autokratische und nationalistische Bewegungen und Parteien heute ihre Wiederauferstehung? Was ist aus einer liberalen, demokratischen WELTanschauung geworden?
Und vor allem, wo ist der jüdische Witz geblieben? Im Halse steckengeblieben?
Es gibt zur Zeit nicht viel zu lachen. Da ist Menschings Buch ein willkommener Trost.