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Jeder erfindet irgendwann eine Geschichte, die er für sein Leben hält...


Thomas Wolfe

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"Schau heimwärts, Engel" gehört zu den Büchern, die man sich oft vornimmt zu lesen und dann immer wieder verschiebt, auf eine Zeit zu der mehr Zeit ist.
Ein ähnliches Schicksal erleiden die Bücher "Auf der Suche nach verlorenen Zeit" oder "Ulysses" oder "Phädra".
Man hört sich selbst zu, wenn man Sätze sagt, wie :
"Wenn ich Rentner bin, dann lese ich..."
Doch dann kommt das Virus Corona und man stellt fest: Wow, jetzt ist die Zeit doch
da! Also los.

Schau heimwärts Engel ist ein in jeder Hinsicht kolossales Buch. Damit ist weniger
der Umfang gemeint, als die Fülle des Inhalts. Dieses Buch hat ein Schriftsteller geschrieben, dessen Phantasie und Formulierungsgabe keine Grenzen zu kennen scheint. Man kann den Inhalt deshalb auch nicht mit einfachen Worten zusammen fassen. Schau heimwärts, Engel ist eben nicht nur die Lebensgeschichte eines jungen Mannes von der Geburt bis zu seinem 18. Lebensjahr und es ist auch nicht nur die Familiengeschichte der Gants am Anfang des 20. Jahrhundert und es ist genauso wenig "nur" die Geschichte einer Kleinstadt im mittleren Westen der USA. Alle drei Beschreibungen treffen ebenso zu wie sie doch nicht das Buch umfassend charakterisieren können.
Zurecht wird dieses Werk, dass glücklicherweise mit dem Literaturnobelpreis geadelt wurde, mit den Buddenbrocks verglichen. Auch bei Thomas Mann ist die Personen- und Familiengeschichte und das Sujet Ausdruck von viel mehr.
Und so wie Thomas Mann den Untergang der großbürgerlichen Gesellschaft zeichnet, so beschreibt Thomas Wolfe ein Amerika beim Eintritt ins 20. Jahrhundert, als ein Land,
dass immer noch von den unbegrenzten Möglichkeiten träumt, aber längst zwischen der eigenen Migrationsgeschichte und der Gier nach Kapital seine menschlichen Werte nicht finden kann, auch weil es sich nicht auf eine, die Identität stiftende Geschichte berufen kann. Amerika ist bei Thomas Wolfe das Land, das groß gedacht und klein gescheitert ist, ein Land, das seine Unschuld vierlieren wird.
Die Art und Weise, wie Thomas Wolfe diesen Eindruck schildert, ist einzigartig. Seine Fülle an Assoziationen, seine ganz eigene Art Details aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten etwas ganz Besonders. Am Anfang der Lektüre mag dieser Eindruck zunächst verstörend sein, aber im weiteren Verlauf wird sie zu einem Genuss.
In der Verfilmung des Lebens von Thomas Wolfe gibt es die Szene, als Wolfe seinem künftigen Verleger Perkins das tausendseitige Manuskript vorlegt. Als er von Perkins zu einem Gespräch eingeladen wird, erwartet Wolfe, wie bei allen anderen bisherigen Verlagen, eine Absage zu erhalten. Doch Perkins will dieses Buch. Doch so kann es nicht erscheinen. Niemand würde 1000 Seiten lesen, noch dazu in diesem chaotischen Durcheinander, sich zurecht finden können. Also ist die Bedingung, dass beide, Wolfe und Perkins, Kürzungen vornehmen werden und eine chronologische Struktur schaffen. Es gehört zu den Heldentaten, die am Ende mit dem Literaturnobelpreis belohnt werden, dass es beiden gelang, rund 300 Seiten zu streichen und die Texte in eine Reihenfolge zu bringen, die das Werk zum wirklich großen Roman gemacht haben.
Darüber hinaus ist dem Manesse Verlag nicht genug zu danken, 2009 eine Neuübersetzung herausgegeben zu haben die zudem mit 614 Anmerkungen die zahlreichen Zitate, Assoziationen und Bezüge zu entschlüsseln hilft.
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Im gleichen Verlag erschien jetzt ein Buch mit dem Titel: Thomas Wolfe - Eine Deutschlandreise.
Oliver Lubrich hat aus Tagebucheintragungen, Notizen, Briefen, literarischen Essays und Novellen, teilweise unvollendet, das Leben Thomaqs Wolfes und seine Reisen nach Europa, insbesondere Deutschland in den Jahren 1926 bis 1936 nachgezeichnet. Das sind die Jahre, in denen die Fertigstellung von Schau heimwärts, Engel und seine Veröffentlichung sowie die Arbeit am nächsten noch umfangreicheren Werk Von Zeit und Strom liegen. Zwischen den Reisden 1925 und 1926 liegen die vier Jahre "Pause", in denen Thomas Wolfe in einer Wohnung in Brooklynnichts anderes dachte und tat, als diesen zweiten Roman zu verfassen.
1930 schreibt er:
"Doch im März geschah das Unverhergesehene, das Unerhoffte. Die Stunde kam. Wenn jemals ein Mensch für eine Reise reif und bereit war, so war ich dieser Mensch. Ich, ein mit Müdigkeit kämpfendes Geschöpf, ich Maschine, die unermüdlich schrieb, ich, der ich kein anderes Leben als Schreiben kannte, ich, ein Tier, das in seiner
Höhle unter den Gebirgen seiner eigenen, nicht enden wollenden Arbeit gehaust. Denn immer noch schrieb ich und schrieb, einem Läufer gleich, der blind, trunken und halb vor Müdigkeit weiterläuft, obwohl er weiß, dass das Rennen gelaufen, seine Arbeit getan ist. Schließlich nahm man mir meine Arbeit weg und brachte michauf ein Schiff. ... Meine Freunde hatten zu mir gesagt, dass es jetzt nichts anderes für mich gäbe als Schlafen, Essen, neue Länder, Städte und Gesichter sehenund zu vergessen, dass ich jemals in Brooklyn gelebt oder ein Buch geschrieben hatte."
Thomas Wolfes Reisenotizen sind in vielerlei Hinsicht interessant und lesenswert. Zum einen ist sein Wandel in der Betrachtung der deutschen Verhältniss
zwischen 1925/26 und 1935/36. Es fällt ihm schwer, seine Sympathie für die deutsche Kultur und die intellektuelle Aufmerksamkeit seiner Person gegenüber ins Verhältnis zum aufkommenden Faschismus zu stellen und damit zu relativieren.
Und das obwohl seine Beobachtungen sehr detailreich, genau und mit vielen Assoziation erzählt werden. Seine Auseinandersetzung ist zunächst darauf gerichtet, dass im 1. Weltkrieg verbeitete Klischee des stiernackigen, biertrinkenden und felischessenden tumben Deutsch zu überprüfen. Und so wie die Bstätigung dieses Bildes z.B. auf dem Münchner Oktoberfest findet, so findet er eben auch die andere, die schöne Seite der Deutschen und des Landes.
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Und wer heute glaubt, das Leben eines Flaneurs hätte es vor 100 Jahren so nicht gegeben, wird eines besseren belehrt. Wolfe steht gern erst am späten Vormittag auf und begiebt sich nach ausgiebigem Frühstück und sorgfältiger Toilette erst gegen Mittag in die Gesellschaft. Er besucht fast alle Museen und gerne auch Bibliotheken. Am späten Nachmittag ist er bereits erschöpft und braucht ein kleines Nickerchen, bevor es dann zuerst ins Theater, dann zum Dinner und danach zu Gesellschaften, in Bar und anderswo hin geht und sein Hotelbett oftmals erst beim Morgendämmern erreicht.
Wolfes Zeitbild ist wie eine lebende Fotografie. Seine daraus entstandenen Novellen aber zeigen zum einen, wie sehr in die Eindrücke beschäftigt haben und zum anderen seine literarische Phantasie und sprachliche Meisterschaft.
Thomas Wolfe entdecken, das ist eines der schönsten Dinge, die man in Zeiten von Corona machen kann. Zwischen Schau heimwärts, Engel und Von Zeit und Fluss sind die Deutschlandreisen eine willkommene Abwechslung, die nur zu empfehlen ist.

Immersives Flackern

Neulich saß ich in einer Jury. Es ging um die Bewertung innovativer Ideen für das Theater. Natürlich tagte die Jury virtuell, was keine Innovation darstellen sollte, sondern den derzeitigen Umständen geschuldet ist.
Das ich mich in dieser Jury fehl am Platze fühlte, lag nicht an Corona und dem Videomeeting, es lag daran, dass Projekte zur Diskussion standen, die mich ratlos machen.
Bisher glaubte ich, nicht altmodisch zu sein und wusste, dass es heute zu den elementaren Bedürfnissen innovativer Ideen gehört, erst einmal dem von alten, weißen Männern dominierten Kanon der Theaterliteratur den Garaus machen zu wollen. Alles klar, sowieso. Und heute gibt es keine Theateraufführungen mehr sondern performances. Doch das genügt nicht. Ich lernte, dass eine Innovation darin liegen könne, partizipatorische Performances zu kreieren. Schon das habe ich nicht verstanden.
Bisher glaubte ich, dass der Sinn des Theaters auch und vor allem darin besteht, dass Eine, Einer, Eines etwas für Publikum aufführt. Mir hat das bisher genügt. Ich habe mehr als 60 Jahre partizipiert. Schlägt ein Schauspieler den Kragen hoch, fühlte ich die ihn umgebende Kälte, ohne dass es im Zuschaueeraum gleich ungemütlich werden musste. Ich wusste, dass das Eis am Fenster der Mansarde der Pariser Boheme in Wirklichkeit kunstvoll im Malsaal entstanden war und war dennoch den Tränen nahe, als Mimi starb. Jedesmal. Ich war immersiv eingetaucht, wie man heute sagt, wenn Hamlet mit dem Geist sprach und die Stimme seines ermordeten Vaters hörte, wenngleich gar keine zweite Person auf der Bühne war. (Das war noch vor der inflationären Verwendung von Videos.)
Auch habe ich es bisher eher gefürchtet, selbst mitspielen zu müssen. Stellt man beim Blick auf das abendliche Ticket fest, dass man in der ersten Reihe sitzt, fürchtet man darum, den guten Anzug unversehrt nach Hause zu bringen.
Wenn ich jetzt und in Zukunft aber eine Kastenbrille aufsetzen soll und mit Joysticks verkabelt werde, um mir dann von Chatbots geschriebene Texte, die von ruckelnden, eckigen Avataren mit synthetischer Stimme und begleitet von zuckenden Lichtblitzen dargeboten werden - dann bleibe ich lieber zu Hause. Wie in den letzten 14 Monaten. Oder ich gehe nur noch ins Konzert. Dort werden sie hoffentlich weiterhin ganz altmodisch einfach die Noten spielen, die in der Partitur stehen und ich kann die Augen schließen und mir vorstellen, was ich will und niemanden sagen möchte.
In eine Jury gehe ich auch nicht mehr.
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