Netz

Krass. Schmerzhaft. Lesenswert.

Um im Slang des Buches zu bleiben: das ist ja wohl die krasseste Dystopie zur Zeit.

Milliarden haben keine Ahnung, wie ein Rechner funktioniert, Algorithmen schon gar nicht. Wie man sie manipulieren kann, was manipuliert wird, sie starren auf Pixel und vertrauen. Was ja eigentlich rührend ist. Das macht so wütend, so wütend, dass man im Netz das Gefühl hat, alles hinge von der eigenen bescheuerten Meinung ab. Und draußen, wenn man dann rumläuft in Zeitlupe mit seinem frierenden Körper, da bekommt man keinen Respekt für sein wichtiges Sein. Was macht es mit dem Menschen, wenn nichts mehr anfassbar ist, alles vielleicht Fake. Nichts real. Wird der Mensch dann selber zum Fake, der sich nur in die Realität zurückbefördern kann, indem er sich Chips in den Kortex schießt? Das Denken verkümmert, weil es zu anstrengend ist. Das Mitgefühl verdorrt, weil Erregung im Netz in Sekundenbruchteilen stattfindet. Die Frustration wächst, weil das Leben offline so langsam und langweilig ist. Das fucking Netz ist zur Leni Riefenstahl der Welt geworden. Ein Ort der Verblödung, Verhetzung, der Manipulation und der Frustration.

Es läuft also alles bestens. Zeit für die nächste Stufe.

aus „G.R.M. – Brainfuck“ von Sybille Berg

Erstens:
Im Ernst: beim Lesen beschleicht einen nach dem Überwinden des ersten Schocks das Gefühl, dass es hier nicht um irgendeine ferne Zukunft geht, sondern dass wir schon bald in genau dieser Welt leben werden.

Zweitens:
Bemerkenswert aber ist, dass dieses Buch keine bloße Zertrümmerung unserer längst vergehenden Welt ist. Sybille Berg schildert nicht nur in beispielloser Lakonie eine digitale Eiszeit, sie schreibt vor allem über die entstehenden Leerstellen. Es ist ein Schrei, diese Sehnsucht nach dem echten Leben.

Das geht unter die Haut. Gegen die Brutalität eines Zeitalters, das von Alogrithmen und künstlicher Intelligenz bestimmt wird, ist kein Kraut gewachsen. Es bleibt die Empfingungslosigkeit.

Drittens:
Was ist denn heute schon Zynismus?
Bei Berg ist es nicht nur ihre Schonungslosigkeit. Sie liefert verblüffend logische Analysen und Erklärungen unserer heutigen gesellschaftlichen Zustände. Sie kann erklären, was einen normalen Menschen heute noch hilflos macht: diese Wut, diesen weißen, männlichen Hass. Diesen Rassismus.

Das Buch ist ein Aufschrei und so wichtig wie Fridays for future. Gerade wenn es hoiffnungslos erscheint, muss man aufstehen.