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Die Zauberstadt

Beim Lesen dieses Buches ist es wie in einem guten Theaterstück: Obwohl man keinen Moment im Zweifel ist, dass man sich im Theater befindet und alles nur Spiel, Schein oder Fiktion ist, so fühlt man sich doch mit den Figuren verbunden, liebt oder kritisiert sie, versteht ihre Skrupel, jubelt über ihre Siege und trauert über die Niederlagen.

In Franz-Josef Ortheils Buch trifft man zwei gute Bekannte wieder: Ernest Hemmingway und Venedig. Mit beiden ist man vertraut und gleichzeitig neugierig, was sie verbinden wird. Nicht nur diese Neugierde wird gestillt werden. Das Buch verspricht nicht mehr oder weniger als eine faszinierende Reise ins Innere des Schriftstellers ebenso wie ins Innere der Lagunenstadt, zu ihren Menschen. Wer sich bemüht hat, Venedig abseits der Touristenströme zu entdecken, die Inseln der Lagune besuchte und die Zeit Ende November wählte, wenn der Massentourismus für kurze Zeit abebbt, der wird beim Lesen eine wohlige Sehnsucht verspüren.

Dass Ortheil ein Meister der Dramaturgie ist, muss nicht betont werden. Es genügt der Hinweis, dass er dies auch in diesem Buch wieder eindrucksvoll unter Beweis stellt. Es ist eine so ebenmäßige Komposition in ihrem Aufbau, in der Schilderung des Sujets, im Aufbau eines empathischen Sogs, der den Leser erfasst – nicht nur zur Hauptfigur, sondern – und das vielleicht sogar noch stärker – zu den anderen Personen des Romans.

Am Ende des Buches bleiben zwei Möglichkeiten. Die eine wäre, sofort die Koffer zu packen und nach Venedig zu reisen. Zum Glück ist man vernünftig: denn das Venedig des Buches gibt es nicht mehr, es wurde durch die Touristen und die Gewinnsucht der Menschen beinahe schon zerstört und wir müssen gerade jetzt lernen, zu verzichten, Maß zu halten.

Die andere Möglichkeit ist, die zu diesem Buch in enger Verwandschaft stehenden wunderbaren Romane und Erzählungen sofort im Anschluss zu lesen. Da wären: Henry James Die Aspern Schriften, Alexander Puschkin Pique Dame, Ernest Hemmingway Über den Fluss und die Wälder und Der alte Mann und das Meer, Henry James In Venedig (aus den Italien Hours) und Ortheils Im Licht der Lagune.

Genug Lesestoff für lange Winterabende: man entfache den Kamin, koche eine große Kanne Tee und mache es sich bequem in einem Lesesessel. Das Versprechen, die schönsten Stunden gegen Ende des Jahres zu erleben, wird eingelöst werden.