Netz

Die richtige Sonne wärmt nicht unter einer VR-Brille.

Die Philosophie kann auf die Frage, welche (digitale) Zukunft uns erwartet keine Antwort geben, weil sie es nicht weiß. Also bleibt den Menschen nur der Glaube, die Hypothese. Dieser Glaube aber ist intuitives Wissen. Die Werte, an die ich glaube, helfen mir, mein Leben zu gestalten und richtig zu führen.

Kernfragen der Philosophie sind schon immer Fragen nach der Wirklichkeit/Realität und der Wahrnehmung durch den Menschen. Das Verhältnis ist ohnehin schon kompliziert. Ist ein Baum wirklich ein Baum oder nur unsere Wahrnehmung, die einer kulturellen Abstraktion und Konnotation entspringt? Erfassen wir wirklich DIE Bäume, bloß weil wir meinen, eine Pappel zu erkennen? Auf die Menschheit bezogen hieße das, dass es DIE Menschheit gar nicht gibt, weil ich sie nicht wirklich wahrnehmen kann?

Wenn es nun aber außer der Realität und unserem Bewusstsein noch eine weitere virtuelle digitale Existenz gibt, wird die Angelegenheit heikel.

Und wenn diese virtuelle Existenz durch Algorithmen und künstliche Intelligenz geleitet wird, welche Rolle spielt dann noch der Mensch?

Die Stoiker der Antike glaubten, dass die Welt vollkommen war (von Göttern oder einem Göttlichen bestimmt) und wir sie nur nicht vollends erfassen können. Deshalb benötigten sie auch keine Theologie, Religion oder Kirche als Sachwalter der Vermittlung. Glauben war Wahrnehmen, so gut es eben geht.

Das hat sich mit dem Christentum geändert. Die Kirche bestimmte, was göttlich ist und wie der Mensch in den Genuss der göttlichen Gnade kommen kann, spätestens im Jenseits. Zweifelte man an Gott, weil es für ihn gar keinen Beweis gibt, so zweifelt man an der Kirche und war ein Ketzer.

Der künstlichen Intelligenz ist es egal, ob man an ihr zweifelt. Ihr Algorithmus hat immer recht. Je mehr Daten desto klarer ihre Analyse.

Hat ein digitales Gesundheitswesen alle notwendigen Daten, wird es überall auf der Welt die besten Diagnosen geben, die zur Verfügung stehen und werden für die am häufigsten auftretenden Krankheiten Therapien entwickelt sein. Für seltene Erkrankungen wird es dagegen keine Medikamente geben, da die Zahl der Toten im Verhältnis zur Weltbevölkerung ohne Bedeutung ist.

Hat ein Algorithmus Zugriff auf die Daten der Menschen und kann diese beinahe in Echtzeit verarbeiten, werden wir erfahren, dass wir krank sind, noch bevor wir die Symptome wahrnehmen können. Aber nicht nur wir, sondern auch der Staat, die Krankenkasse, der Arbeitgeber, die Freunde usw.

Unsere digitale Existenz führt ein Eigenleben, ohne uns zu fragen, wenn sie erst einmal alles über uns weiß. Wir brauchen dann keine Wahlen, Volksabstimmungen oder Demonstrationen mehr, denn das System kennt bereits die richtigen Antworten auf die Fragen.

Denkt man das zu Ende, wird deutlich, dass die Wahrnehmung des Menschen, sein Bewusstsein oder seine Seele an Bedeutung verlieren.

Man geht dann nicht mehr bei Rot über die Straße, weil das die eigene freie Entscheidung war, sondern weil ein Algorithmus festgelegt hat, dass man das nicht darf und Zuwiderhandlungen wirksam sanktioniert, wie in China bereits zu erleben ist. Alkohol, Zigaretten, Gewalt, Diebstahl usw. werden sich in Luft auflösen, wenn künstliche Intelligenz beauftragt wird, Mittel und Wege dafür zu finden.

Wie gut das funktioniert, kann man an den sozialen Netzwerken beobachten: Sie isolieren Menschen in Filterblasen und einer Vortäuschung einer Gemeinschaft, anstatt sie ihre Einsamkeit spüren, aushalten und überwinden zulassen. Für nahezu jedes Problem gibt es inzwischen eine App, die eine Lösung anbietet, wenn der Mensch den Anweisungen einer Software folgt.

So verlernen wir, selbst zu denken und zu handeln, weil unsere Wahrnehmung nicht mehr nach der Wirklichkeit fragt. An ihre Stelle ist das Netz getreten, an das wir unser selbstbestimmtes, kritisches, fehlerhaftes und subjektives Wahrnehmen und Denken abgegeben haben.

Was können wir dagegen tun?

Appelle, Aufrufe, Memoranden, künftig nur „gute“ Software zu entwickeln, sind sinnlos. Seit der Erfindung der Atombombe wissen wir, dass alles, was technisch möglich ist, auch gemacht wird und erst danach der Menschheit die Folgen ihres Handelns deutlich werden,

Was uns bleibt, ist die Verhinderung der Preisgabe unserer unvollkommenen Identität.

„Herz, Hirn und Hand“, nannte es Klopstock und meinte damit unser Fühlen, Empfinden, Verstehen, Lesen, Sprechen und Schreiben. Die Hoheit über die Summe besonderer menschlicher Fähigkeiten darf nicht aufgegeben werden zugunsten mathematischer Rechenprozesse.

Die Zwiesprache mit uns selbst ist unersetzbar, wie Mark Aurel sagte:

„Gibt es doch nirgends eine stillere und ungestörtere Zufluchtsstätte als die Menschenseele.“

Künstliche Intelligenz mag exakt wissen, was die effektivste Lösung für ein Problem ist, aber eine Eigenschaft besitzt sie nicht: sie hat kein Bewusstsein, keine Seele – sie weiß nicht, dass sie nur das Ergebnis eines Codes ist.

Also verlassen wir Facebook und Co., meiden wir Google und Microsoft, benutzen wir unser Smartphone, nur wenn es notwendig ist, verschlüsseln wir unsere privaten Daten, seien wir anonym im Netz unterwegs.

Und vor allem glauben wir nicht blind, was im Netz steht. Fallen wir nicht darauf rein.

Die richtige Sonne wärmt nicht unter einer VR-Brille.

17.12.2019