Theater

Goethe in Italien – Frau von Stein in Bad Godesberg

Im dumpfen Januar-Grau der Stadt Bonn führt der Rhein ordentlich Wasser. Die Stadt stolpert mehr unbeholfen als überzeugend in ein Jubiläumsjahr, welches der Geburt eines ihrer Söhne gewidmet ist. Dabei hatte der heranwachsende Beethoven alsbald nichts weniger im Sinn, als diese Provinz zu verlassen. Um endlich ein paar bleibende Noten aufs Papier zu bringen zu können, brauchte er frische Luft. So ist es unfreiwillig passend, dass zum Jubiläum gerade mal das winzige Beethoven-Haus renoviert wurde, während die Beethoven-Halle eine trostlose Baustelle ist. Mit dem Bauen haben sie es nicht so in Bonn, mit der Kulturpolitik auch nicht. In diesen Tagen spielt die Schauspielerin Christina Rohde Charlotte von Stein. Nicht in Bonn, sondern in Bad Godesberg, im Kleinen Theater, welches eine gefühlte Ewigkeit unter der Herrschaft des unsterblichen Prinzipals Walter Ullrich existierte und nun, nach dessen mehr als verdientem Ruhestand sich aufmacht, dem eisernen Sparwillen der Stadt zum Trotz, weiter existieren zu wollen.

Was soll uns also Frau Rohdes Charlotte von Stein in Bad Godesberg? Jede Menge, wie wir gleich sehen werden: Da ist zuerst das Stück von Peter Hacks „Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“. Hacks war selbst einst (in der DDR) ein kleiner Goethe und wusste also, worüber er schrieb. Seine Sprachgewalt, sein Witz und seine trickreiche Dramaturgie waren ebenso gefürchtet wie geliebt. Sein Stück „Der Frieden“ (nach Aristophanes) gehört zu den Meisterwerken, das „Gespräch im Hause Stein…“ zu den Kleinodien. Man vermisst beide schmerzlich auf den Spielplänen der deutschen Schauspielhäuser. Den Dramaturgen sind heute die wortgewaltigen, dramaturgisch fintenreichen Dramen suspekt, erst recht wenn die Texte ein gefundenes Fressen für gestandene Schauspielerinnen sind. Moderne Dramaturgen, so hat man den Eindruck, lesen keine Stücke mehr, sondern nur die Titelliste der Spiegel-Bestseller. Aus denen wählen sie verheißungsvoll klingende aus und fabrizieren daraus kollektive Selbstfindungsabende, die Regisseure dann mit viel Video.Schischi zur Ermattung des Publikums auf Überlänge dehnen. Meistens ist es jedenfalls so. Meistens.

In Bad Godesberg ist es an diesem grauen Januarabend anders. Nach Einbruch der Dunkelheit geht die Sonne auf. Es ist eine wärmende Sonne, gespeist von einem klugen Text und einer souveränen, meisterhaft agierenden Schauspielerin: Christina Rohde. Sie hat ihren Peter Hacks nicht nur verstanden, sein Text gehört jetzt ihr. Gestochen scharf hält sie ihn fest, formt ihn, variiert seinen Rhythmus und sein Tempo, unterbricht ihn durch winzige Gesten und Pausen und so ganz „nebenbei“ füllt sie den gewitzt und listenreich gespannten dramaturgischen Bogen über den ganzen Abend. Ihr Schalk, ihre sanfte Ironie, ihre Lakonie spielen so gekonnt mit den Fügungen des Monologs, dass der Zuschauer gar nicht anders kann, als voll und ganz nur ihre Partein zu ergreifen. Welche Verführung.

Das Kleine Theater in Bad Godesberg ist dafür wie geschaffen. Intimer geht es nicht. Dabei ist die Ausstattung so sparsam wie grandios. Ein Beispiel: vor schwarzem Mollton hängt ein weiß gestrichener Holzrahmen, Sobald aber Christiane Rohde davor steht und „aus dem Fenster schaut“ sieht jeder Zuschauer den Schlossplatz in Weimar in den schönsten Farben. Es bedarf dazu weder einer Videoprojekten noch einer VR- oder 3D-Brille. Charlotte von Stein lässt uns durch ihre Augen aus dem Fenster schauen und kein Bild ist schöner, als das, welches uns unsere Phantasie vorgaukelt.
Die zentrale Frage des Abends allerdings lautet: haben sie nun oder nicht? Gemeint sind der Genius Goethe und die adlige Frau von Stein. Auch ihr Gemahl begehrt dies zu wissen und ist damit ein stummer Verbündeter des Publikums. Und lautet die Antwort „ja“, was heißt das denn genau und lautet sie „nein“ dann fragen wir uns, warum denn nicht ? Am Ende werden wir es wissen, wenn auch anders, als wir es gedacht haben.
Denn am Ende haben sich alle gefunden: der Autor, der uns die intimsten Dinge so kunstvoll aufbereitet hat, der große Goethe, obwohl abwesend, aber um den sich alles dreht, und Christina Rohde, die die Begegnung mit Charlotte von Stein zum einem unvergessenen Erlebnis macht, welches leider nach zwei allzu kurzen Stunden schon wieder vorbei ist.

Es ist, als wären alle aus einem Dornröschen-Schlaf erwacht: der Hacks, Goethe, das Kleine Theater und sogar das graue Bonn im Januar.