Theater

Chillout in der Wachau ?

Geschichten aus dem Wiener Wald von Ödön von Horváth am Schauspielhaus Bochum
von Hubert Eckart

[1]

Warum spielt ein Theater heutzutage Horváts Geschichten aus dem Wiener Wald? Darauf gibt es mehrere Antworten: Weil es ein gutes Theaterstück ist, weil es einen tiefen Einblick in soziale wie menschliche Abgründe ermöglicht, weil…weil…weil…
Karin Henkel sieht in diesem Stück ein Drama über den Verlust von Menschlichkeit, den Übergang von Gleichgültigkeit und sozialer Kälte in Hass, zu sehen in der Inszenierung am Schauspielhaus Bochum (Premiere 3.10.2019) gesehen in einer normalen Vorstellung an einem Dienstagabend.
Henkel nimmt Horváts Text dabei ernst, sie vertraut seiner Kraft, Figuren zu zeichnen, deren Schicksal zeitlos bedeutsam ist. Dabei nimmt sie in Kauf, dass diese zeitlose Bedeutungserweiterung zum Problem werden kann. Horváts Figuren sind per sé keine schlechten Menschen, aber sie stecken in einem Strudel kollektiven sozialen Abstiegs und wissen sich nicht zu wehren. Bei Horváth findet dies in den Zeiten nach der Weltwirtschaftskrise und des heraufziehenden Faschismus der 20/30er Jahre statt. Aber ein zeitgeschichtliches Ambiente auf die Bühne zu bringen gilt heute als verstaubt. Den Gegenwartsbezug herzustellen, dass muss die Inszenierung leisten – dem Zuschauer wird dies anscheinend nicht zugetraut. Das ist merkwürdig. In so erfolgreichen Filmserien wie Babylon Berlin wird Zeitkolorit mit kostspieligem Dekorations-Realismus ausgekostet und alle reden darüber, welche Parallelen die Ereignisse zu den heutigen 20er Jahren haben.

[2] In Bochum ist die Bühne (fast) leer, es soll eine unwirtliche Arena sein, in der sich die Figuren die Blöße geben. Das leuchtet nicht ganz ein, wirkt eher wie eine Probebühne, lieblos bis beliebig, zumal dann, wenn z.B. durch einen Rundvorhang aus Fransen die Akustik der offenen Bühne weiter verschlechtert wird. So fahren dann immer wieder Mikrophone an Kabeln aus dem Schnürboden, um die sich die Schauspieler mehr oder minder geschickt und zufällig gruppieren, um ihre Texte ergänzt durch einen elektronischen Halleffekt loswerden zu können. So etwas schränkt mehr ein, als das es etwas befördern würde.
Hat ein Schauspieler nicht das recht, eine Bühne zu verlangen, auf der er ungehindert seinen Beruf ausüben kann? Ein Kalauer der Bühnentechnik lautet, TON sei die Abkürzung für Technik ohne Nutzen. Lachen kann man darüber nicht. Denn auch auf der trostlosen Bühne ist eine Drehscheibe angedeutet, die sich nicht drehen kann. Nur in der Mitte ist ein etwa gulligroßer Kreis, der sich senkt und hebt und auch mal zum Planschbecken wird. Beleuchtet wird die Szene durch vier LED-PAR-Scheinwerfer-Batterien zu je 24 Scheinwerfen, die ein eher trübes, flächiges und trostlos wirkendes Licht erzeugen. Hier ist kaum ein düsteres Ambiente aus Licht und Schatten auszumachen, was doch nahegelegen hätte? Das ist alles nicht besonders reizvoll anzusehen, wären da nicht die Schauspieler: ein wunderbar agierendes Ensemble.


[3] Karin Henkel reduziert die Personage des Stückes auf die Hauptfiguren und besetzt alle Nebenrollen mit zwei Schauspielern: der gandiosen Gina Haller und ihrem nicht minder wunderbaren Kollegen Thomas Anzenhofer. Die Szenen, in denen beide die Mutter bzw. Großmutter des Gigolos Alfred spielen, gehören zu den stärksten des Abends. Bei diesen beiden stimmt auch das Kostüm: zeitlos, schwarz, Bluse, weiter Rock, und je nach Figur kleine Accessoires. Den „Rest“ spielen beide und wie! Hier gelingt die zeitlose Transmission ohne den sozialkritischen Figuren-Background zu verlieren. Man hat den Eindruck Haller und Anzenhofer könnten alles spielen, unaufgeregt, ernsthaft, komödiantisch und tragisch.
Die SpielerInnen der Hauptfiguren machen ihre Sache ebenfalls sehr gut. Man wünschte sich nur, man hätte ihnen geeignetere Kostüme spendiert. Hinter mir im Parkett fragt eine gestandene Abonnentin ihre Nachbarin:

„Die Schauspielerin der Valerie spielt das ja sehr gut, aber was soll das für eine Figur sein?“


[4] Das Kostüm für Karin Moog erzählt nichts über den Beruf einer Traffikantin, weder einer aus dem Jahr 1930 noch einer von heute. Die Kostümbildnerin Nicole Timm rettet sich in extravaganten Farbtupfern, die nur eines verraten: sie kann sich unter einer Traffikantin nichts vorstellen. So spielt denn Karin Moog kräftig gegen ihr Kostüm an, was ihr auch überwiegend gelingt, wenngleich manchmal etwas zu bemüht. Auch Marius Huth als Erich hätte nicht der Khaki-Uniform bedurft, um den künftigen Hitlerjungen zu assoziieren, sein Spiel und die erschreckend heutigen Texte Horváts genügen vollends.
War das Kostüm einst ein Mittel, um die soziale Einordnung einer Figur vornehmen zu können, so scheint es heute darin kein Vertrauen mehr zu geben. Früher zog man die Schauspieler entsprechend der Figuren an, heute müssen sie sich ausziehen. In beinahe jeder Inszenierung. Es ist anzunehmen, dass darin der Vorgang des Entblößen demonstriert werden soll. Aber es verkommt zu einer banalen, zunehmend langweiligen Äußerlichkeit gegenüber dem, was Schauspieler wirklich alles spielen könnten. Sei’s drum. Auch in Bochum zieht man sich gelegentlich aus und man springt auch mal ins Wasser. Wichtig ist das nicht.
Stattdessen ist man dankbar wie Bernd Rademacher, Marina Galic, Mourad Baaiz und Uwe Tevke ihre Rollen spielen, um ihre Figuren ringen, wie sie einerseits die von Horvát gewünschte typisierte Überhöhung dieses Volksstückes erklimmen und andererseits das eiskalte und tragische Scheitern verkörpern. Ihre Skala von Gleichgültigkeit, Unmenschlichkeit, Verzweiflung, Hass und Depression ist fließend. Ihnen zuzusehen ist verstörend und bedrückend und zugleich auch faszinierend.
Hätte man nun noch auf Lars Wittershagens Hintergrundmusik, ein beständiges elektronisches Chillout-Gurgeln verzichtet, so hätte man die von Horváth so explizite an vielen Stellen geforderte STILLE beklemmend wahrnehmen können.


Regie: Karin Henkel
Bühne: Thilo Reuter
Kostüme: Nicole Timm
Musik: Lars Wittgenstein
Lichtdesign: Bernd Felder
Dramaturgie: Vasco Boenisch

Marianne: Marina Garlic
Zauberkönig: Bernd Rademacher
Oskar: Mourad Baaiz
Valerie: Karin Moog
Alfred: Uve Tevke
Erich: Marius Huth
Zwei Gestalten: Thomas Anzenhofer, Gina Haller


[^1]: Marius Huth, Bernd Rademacher, Gina Haller, Marina Galic, Karin Moog, Mourad Baaiz (v. li.)
© Lalo Jodlbauer

[^2]: Marina Galic, Bernd Rademacher, Mourad Baaiz, Marius Huth, Ulvi Teke, Karin Moog (v. li.)
© Lalo Jodlbauer

[^3]: Ulvi Teke, Gina Haller, Thomas Anzenhofer (v. li.)
© Lalo Jodlbauer

[^4]: Ulvi Teke, Karin Moog
© Lalo Jodlbauer