Netz

Virtueller Zeitgeist

Das sich die Welt mehr den Oberflächlichkeiten des Zeitgeistes als den tieferen, konzentrierten inhaltlichen Auseinandersetzungen widmet, ist keine neue Erkenntnis. Aber wahrscheinlich gab es noch nie ein Medium, welches dafür die besten Voraussetzungen bot. Im virtuellen Raum, dem was wir allgemein das Netz nennen, gelingt es mühelos, ein breites Echo für jede Banalität zu finden, mit der sich die Menschen gegenseitig davon abhalten können, ernsthaft vorher über etwas nachzudenken und erst danach ihre Meinung zu äußern.

Meinung ist heute Quatsch, den man mit 140 Zeichen ausdrücken kann. Früher war es der Ausdruck einer Haltung, einer Einstellung, eines Charakters.

Die Autosuggestion, Sender einer Botschaft in alle Welt hinaus zu sein, macht auch vor der blödesten Entäußerung nicht halt.

Man könnte einwenden, dass Dank des Netzes genauso gut vernünftige Gedanken die Menschheit beflügeln und das ist zweifellos richtig. Allerdings sind diese wie herabfallende Krümel von der überladenen Tafel, die Facebook, Instagram, LinkedIn und Twitter angerichtet haben. Sie erscheinen so winzig und kaum sichtbar angesichts millionenfacher Postings im Sinne von: „Ich war hier…!“

Besonders zu bedauern ist, dass der heutige Zeitgeist in seiner virtuellen Spiegelung für Humor nicht zu haben ist. Das Netz versteht keine Ironie, Satire, Spott oder Blasphemie. Und nicht zu guter Letzt können die Millionen User auch nichts mehr aushalten: nicht eine andere Meinung, nicht das Schweigen und erst recht nicht die eigene Bedeutungslosigkeit.

Das Schlimmste aber ist, dass die Menschen jenes befreiende Gefühl zu verlieren scheinen, unabhängig vom medialen Rauschen des virtuellen Zeitgeistes zu sein. Auf sich selbst zurückgeworfen entdeckt der moderne User nur eine beklemmende Leere, die er mit einem schnellen Check seines Facebook-Accounts überwinden muss.

Vergessen scheint das wunderbare Gefühl, dass der, der dem Netz nicht permament seine Aufmerksamkeit schenken muss, Zeit und Gedankenfreiheit gewinnt, um herauszufinden, was wirklich wichtig für ihn ist.

Mark Aurel (121-180) schrieb:


Glücklich sein, heißt einen guten Charakter zu haben. Gibt es doch nirgends eine stillere und ungestörtere Zufluchtsstätte als die Meschenseele. Wie die Gedanken sind, die du am häufigsten denkst, ganz so ist auch deine Gesinnung.